Seite wählen

Mit einem leisen Klicken schließt sich die Tür hinter uns. Wir stehen wieder auf dem Flur vor dem großen Konferenzraum und können es kaum fassen. Clemens, wie immer voller Energie, grinst breit, rudert mit den Armen und will sich auch mit Worten Luft machen. Die sonst so besonnene Lena legt den Finger auf die Lippen. „Ruhig bleiben.“, flüstert sie.

Ich ziehe die beiden in einen freien Raum am Ende des Ganges. Dort lassen wir unseren Gefühlen freien Lauf. Ja, es ist ein Tag zum Jubeln. Gerade eben haben wir unsere neue Presseplattform live geschaltet. Sechshundert Kolleginnen und Kollegen aus 35 Ländern haben mitgefiebert. Clemens hat charmant moderiert, alle Meilensteine wurden erreicht.

Ein erfolgreicher Go-live. Unsere Gesichter strahlen. Mein Adrenalin pulsiert bis in die Haarspitzen. Ein echtes Wow-Erlebnis.

Und jetzt kommt der kleine Perspektivwechsel: Diese Szene hat noch gar nicht stattgefunden. Ich habe sie mir vorgestellt.

Ziele zuerst sehen

Visualisierung begleitet mich schon lange. Privat genauso wie in Projekten. Ich stelle mir einen Moment in der Zukunft so lebendig wie möglich vor: die Menschen, die Stimmung, die Details. Je klarer das Bild, desto realer fühlt es sich an. Als wäre der erste Schritt bereits getan. Der Weg bleibt offen, aber das Ziel ist klar.

Meine drei Bohnen

Du kennst vielleicht meinen kleinen Tick mit den Bohnen. Dieses Ritual habe ich einmal in Italien aufgeschnappt. Jeden Abend packe ich gedanklich drei Bohnen aus und zu jeder gehört ein schöner Moment des Tages.

Manchmal sind es große Dinge. Ein gelungenes Gespräch. Fortschritte im Projekt. Manchmal ganz kleine: ein guter Espresso, ein freundliches Lächeln, eine Nachricht.

Dieses Ritual verändert den Blick. Plötzlich merkt man, dass ein Tag nicht nur aus Problemen besteht. Vieles gelingt, man muss es nur sehen. Und manchmal entstehen aus diesen Rückblicken ganz neue Bilder für die Zukunft.

Visionen aus meinem Umfeld

Seit Anfang des Jahres möchte ich über persönliche Visionen schreiben. Seitdem erlebe ich Menschen, die solche inneren Bilder bewusst visualisieren. Ganz unterschiedliche Visionen, aber alle mit einer besonderen Energie.

Juliana macht Karriere

Ich treffe Juliana zufällig am Marienplatz vor einem Geldautomaten. Früher war sie bei mir Werkstudentin. Kaum haben wir uns begrüßt, erzählt sie begeistert von ihrem neuen Job. „Ich will raus aus München und die Welt sehen“, sagt sie. Und schon beginnt sie zu erzählen, als würde sie es gerade erleben. Sie sieht sich auf einer Innovationsmesse in Shanghai. Drohnen fliegen über den Messestand, Besucher bleiben neugierig stehen. Und sie selbst steht mittendrin und präsentiert ein Projekt, an dem sie lange gearbeitet hat.

Während sie spricht, glänzen ihre Augen. In diesem Moment wirkt ihre Zukunft schon erstaunlich real.

Moritz entdeckt seine Leidenschaft

Moritz ist mein Mentee bei Joblinge, sechzehn Jahre alt. Er beschreibt mir seine Vision: Kupfertöpfe, beste Zutaten vom Viktualienmarkt, ein Team großartiger Köche. Es dampft, es duftet. Vielleicht wird er Koch, vielleicht etwas anderes. Aber diese Begeisterung setzt etwas in Bewegung.

Anna sieht den ersten i3 vom Band rollen

Anna arbeitet in der Produktionsplanung. Zahlen, Prozesse, Taktzeiten. Und doch beschreibt sie ihre Zukunft plötzlich sehr bildhaft. Sie sieht den ersten i3 am Ende der Linie ankommen. Lichter gehen an. Alles funktioniert. Ein Blick in die Runde. Ein Nicken. Noch dauert es, bis dieser Moment Realität wird. Aber wenn Anna davon erzählt, fühlt es sich an, als sei er längst da.

Thomas lernt, loszulassen

Thomas treffe ich zufällig in der S-Bahn. Ich kenne ihn eigentlich nur im Hochleistungsmodus. Termine, Projekte, Social Media, immer auf Empfang. An diesem Tag schaut er plötzlich wie abwesend aus dem Fenster und sagt: „Manchmal stelle ich mir vor, ich sitze freitags auf meinem Balkon. Eine Tasse Kaffee. Ein Buch. Keine Termine. Die Füße hochgelegt. Vögel zwitschern irgendwo im Hintergrund.“

Nicht jede Vision muss die Welt verändern. Manchmal geht es einfach nur darum, wieder bei sich selbst anzukommen.

Carin findet ihr Startup

Carin kenne ich aus dem Female Investment Network (FIN). Sie hat selbst erfolgreich ein Startup aufgebaut und weiß, wie sich Unternehmertum anfühlt, mit all seiner Energie und seinem Tempo. Heute schaut sie sich viele neue Startups an. Pitch-Decks, Gespräche mit Gründerinnen und Gründern, Businesspläne voller Ideen. Spannend ist das alles. Aber manchmal auch ganz schön viel. „Manchmal verliere ich mich fast in den Möglichkeiten“, sagt sie und lacht. Dann erzählte sie mir von einem Bild, das ihr hilft, klarer zu sehen.

„Ich sehe mich beim Joggen. Früher Morgen im Englischen Garten. Es ist ruhig, nur ich. Dann vibriert mein Handy. Eine Nachricht. Ich bleibe kurz stehen, schaue aufs Display und weiß sofort: Das ist es. Das Startup, das wirklich passt. Das ist es. Nicht fünf Optionen. Genau diese eine.“

Lars denkt sozial

Lars hat eine ganz andere Vision. Beim Mittagessen in der Kantine sagt er plötzlich: „Stellt euch vor, wir streichen gemeinsam die Zimmer im Kinderheim bei mir im Ort.“ Lars ist nicht gerade dafür bekannt, dass er mal einfach mit so einer Idee um die Ecke kommt. Wir schauen uns an, lächeln und nicken. Vielleicht ziehen wir tatsächlich mal los und lassen seine Vision Wirklichkeit werden.

Irina möchte wieder lachen

Und dann ist da Irina. Vor zwei Jahren war sie meine Mentee bei Joblinge. Sie kommt aus einem kleinen Ort ganz nah bei Kiew. Lange habe ich gezögert, sie auf den Krieg anzusprechen. Aber dann habe ich sie doch gefragt: „Irina, wie stellst du dir den Frieden vor?“ Sie denkt lange nach. Man sieht förmlich, wie Bilder in ihrem Kopf entstehen.

„Frieden“, sagt sie schließlich, „ist, wenn wir wieder alle zu Hause zusammensitzen.“ Sie beschreibt ihr Zuhause, eine warme Stube, einen alten Kachelofen. Ihre Großmutter lehnt daran und strickt. Vor der Bank liegt die getigerte Katze. Ihr Onkel macht eine seiner trockenen Bemerkungen über die Nachbarn – und alle müssen lachen. Ein einfaches Bild. Und doch steckt darin eine ganze Welt.

Heute macht Irina eine Ausbildung am Max-Planck-Institut zur Digital-Kauffrau. Wenn wir uns aller zwei Wochen immer noch treffen, bin ich sehr stolz auf sie. Ich glaube fest daran, dass manche Visionen stärker sind als alles, was ihnen im Weg steht.

Meine Bohne für 2026

Meine Bohne für 2026 kennst du schon: der Moment nach einem erfolgreichen Go-live. Wenn sich die Tür schließt und wir einfach wissen: Es hat sich gelohnt.

Und da ist noch ein zweites Bild.

Ich sehe mein junges Studententeam gegen Ende des Jahres an einem ganz normalen Arbeitstag. Die E-Mail-Flut ist halbiert. Eine KI sortiert, fasst zusammen, schlägt Antworten vor. Excel Analysen entstehen automatisch. Texte für Präsentationen, Konzepte oder Projektbeschreibungen werden strukturiert unterstützt. Applikationen sprechen besser miteinander. Und das Verrückte daran:

Es fühlt sich gar nicht nach Zukunft an, sondern einfach nach einem guten Arbeitstag. Weil plötzlich etwas da ist, das wir lange vermisst haben: Zeit.

Zeit für Gespräche. Zeit für Ideen. Zeit für Dinge, die vorher keinen Raum hatten.

Warum Visionen wirken

Wenn ich auf all diese Geschichten schaue, fällt mir etwas auf: Visionen bündeln unsere Aufmerksamkeit. Sie geben dem, was wir tun, eine Richtung, noch bevor wir genau wissen, wie der Weg aussehen wird. Ein klares inneres Bild verändert etwas in uns. Wir handeln anders. Wir halten länger durch. Sind wacher. Sehen plötzlich Möglichkeiten, die vorher unsichtbar waren. Es ist, als würde unser innerer Kompass neu eingenordet.

Fazit

Manchmal beginnt Zukunft nicht mit einem großen Plan. Sondern mit einem Bild im Kopf. Und mit dem Mut, daran zu glauben, dass aus einer kleinen Bohne irgendwann etwas Großes werden kann.

#Konzerngeflüster Ein Blog über Menschen, Zuversicht und die leise Kraft, ein Ziel schon zu sehen, bevor es Realität wird.