Über Abschiede, Neuanfänge und warum Wandel oft besser ist als sein Ruf.
Ein uriges Gemäuer hat mich umfangen. Freiliegendes Mauerwerk, schwere Deckenbalken, stilvolles Ambiente. Ich sitze mit meinem Laptop in der Lobby des gediegenen Burghotels Hardenberg in der Nähe von Göttingen und lasse die Seele baumeln. Eben hat mich meine Freundin Hedwig angerufen. Sie hat viele Jahre bei BMW in Führungspositionen im Personalbereich gearbeitet und ist mittlerweile in Rente. Weil sie ganz in der Nähe wohnt, habe ich sie auf einen Kaffee eingeladen.
Doch eigentlich bin ich wegen Hans hier. Der Stiefvater meines Mannes feiert morgen seinen Geburtstag. Er wird 101! Ist das nicht großartig!? Ich beobachte das geschäftige Treiben in der Vorhalle des Hotels und denke darüber nach, was ein Mensch in 101 Jahren alles erlebt haben muss. Kriege, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, technische Revolutionen, gesellschaftliche Umbrüche. Tiefen und Höhen. Erfolg und Verlust. Auch die schwierigsten Momente hat er sichtlich gut überstanden. Was hat ihm die Kraft gegeben? Die Fähigkeit, Wandel nicht als Ausnahme, sondern als Teil des Lebens zu akzeptieren?
Ich muss an die ratlosen Gesichter vieler Kollegen, und Freunde denken, mit denen ich in diesen Tagen spreche. Die Wirtschaft läuft nicht mehr rund. Kriege werfen ihre Schatten auch auf unser Land. Rezession, Inflation … die Liste scheint endlos. All das betrifft uns im Kleinen wie im Großen – deine und meine Familie, aber auch Entwicklungen bei der BMW Group. Darüber möchte ich nachher mit Hedwig sprechen. Sie hat mehr Umbrüche und Neustarts im Konzern mitgemacht als jede und jeder andere, den ich kenne.
Ja, es ändert sich was
Während mein eben noch so ruhiger Platz am Panoramafenster gerade mit Koffern zugestellt wird, fällt mir eine Fahrstuhlbegegnung vor zwei Monaten ein. Ich will in die 19. Etage im BMW-Hochhaus, eine Kollegin steigt zu. Wir kennen uns nur flüchtig. Sie hält ein aufgeblättertes Wirtschaftsmagazin in der Hand. Mein Blick fällt auf ein Foto von Milan Nedeljković. Seit Mai ist er nun unser Vorstandsvorsitzender.
Ein Führungswechsel ist auch immer ein Wandel im ganzen Konzern. Dabei bewegt sich in diesen Monaten ohnehin sehr viel. Und alles gleichzeitig. Budgets werden genauer hinterfragt, die Prioritäten geschärft. Rollen verändern sich. Karrierewege sind schwierig. Und wenn was geht, dann nicht unbedingt so, wie man es sich erhofft hat. Wir sparen und investieren gleichzeitig in die Zukunft. Zum Beispiel in die neue Klasse. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld, das nicht leicht zu bespielen ist. Als würde sie meine Gedanken lesen, schwenkt meine Kollegin die Zeitschrift vor meinen Augen und zwinkert mir zu: „Wie heißt es so schön – alles Neue macht der Mai!
Für einen Moment werde ich nachdenklich. Auch mein Mai war geprägt von Veränderungen. Trotzdem lächle ich zurück. Wir waren ein Traumteam: zwei Frauen, ein Mann. Geblieben bin ich. Olgas Vertrag wurde nicht verlängert. Bei der aktuellen Situation, verständlich. Wir haben gemeinsam an unserer neuen Presseplattform gearbeitet. Ausschreibung, Auswahl, Implementierung, Vorbereitung des Go-live. Dann hat auch Thomas eine neue Aufgabe übernommen. Ich habe mich für ihn gefreut. Und gleichzeitig hat es wehgetan. Denn Veränderung bedeutet nicht nur Neuanfang. Veränderung bedeutet oft auch Abschied von Liebgewonnenem.
Inzwischen sind Clemens und Lea mit mir das neue Team. Clemens mit viel Erfahrung, der nicht nur sein Handwerk versteht, sondern auch mit seinem wortgewandten Witz jede trockene Runde mit Leichtigkeit zum Lachen bringt. Selbst die angespannteste Besprechung wird mit ihm zu einem Erlebnis. Ob er weiß, dass meine jungen Nachwuchskräfte besonders seinetwegen an den Meetings teilnehmen möchten.
Und Lea versteht es, internationale Märkte einzubinden und Menschen mitzunehmen. Genau die Fähigkeiten, die wir jetzt für die nächste Projektphase brauchen.
Heute weiß ich: Veränderung nimmt etwas weg. Aber sie bringt auch Neues mit.
Der Moment ohne Zurück
Ach ja, der Go-live, das ist einer dieser Momente. Eine Veränderung, die es in sich hat. Seit mehr als 20 Jahren begleitet die bisherige Lösung die Pressearbeit der BMW‑Group. Sie hat sich bewährt. Sie wurde erweitert, angepasst und gepflegt.
Der Schalter wird umgelegt. Mehr als 40 Länder wechseln gleichzeitig auf die neue Plattform.
Die Anspannung im Management ist greifbar. Es ist ein Big Bang. Natürlich haben wir getestet. Migriert. Geschult. Geplant. Trotzdem bleibt dieses Gefühl. Haben wir wirklich an alles gedacht? Sind die Nutzer vorbereitet? Wird der Support tragen? Neu ersetzt alt. Wir haben frühzeitig Aufmerksamkeit erzeugt. Wir haben alte Zöpfe abgeschnitten und Commitments bekommen – „Ja, macht! Wir vertrauen Euch“, hieß es oft. Doch reicht das? Oder erwarten uns Anfeindungen und Eskalationen? Wer schon einmal Verantwortung für ein großes Projekt übernommen hat, kennt dieses Gefühl. Man kann Risiken minimieren. Man kann sie nie vollständig beseitigen. Denn am Ende entscheidet nicht die Technik allein über den Erfolg. Entscheidend ist die Akzeptanz der Menschen. Der eigentliche Change beginnt oft erst nach dem Go-live.
Zurück in dem Fahrstuhl, zum Vorstandswechsel. Oliver Zipse hat uns souverän durch Krisen geführt. Er hat die „Neue Klasse“ auf den Weg gebracht. Nun geht es bei Milan Nedeljković nicht nur darum, die „Neue Klasse“ weltweit erfolgreich einzuführen und unsere Software im BMW massiv auszubauen. Ich fahre selbst einen BMW, und liebe den selbstfahrenden Assistenten. Nur ein Blick in den Spiegel braucht es, um auf die andere Spur zu wechseln, kilometerweites Fahren auf der Autobahn, ohne dass ich das Lenkrad berühre. Ja, ich kenne die Sprüche: „Das ist doch keine Freude am Fahren.“ Für mich schon. Ich komme entspannt an und Freude ist auch dabei.
Nicht noch ein weiteres Tool
Und da haben wir den nächsten Change: das Thema Künstliche Intelligenz. Bei BMW entstehen neue Möglichkeiten beinahe täglich. Jeder ist aufgerufen, sich damit auseinanderzusetzen. Auch ich arbeite intensiv damit. Gemeinsam mit Team Future, den Nachwuchskräften, unterstützen wir eine ganze Abteilung. Dabei beobachte ich etwas Interessantes. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig machen. Das Problem ist, dass wir Gefahr laufen, zu viel gleichzeitig zu machen. Noch ein Tool. Noch ein Pilot. Noch ein Experiment. Noch ein Hype.
Dabei brauchen wir keine zehn weiteren KI‑Anwendungen. Ich will Orientierung geben. Welches Problem wollen wir vordringlich lösen? Wo schafft KI echten Mehrwert? Was können wir bewusst weglassen?
Wir nehmen die User an die Hand, schreiben Anleitungen, die jeder versteht, und schulen anhand konkreter Themen. Vielleicht ist genau das die entscheidende Fähigkeit, auf die es in den kommenden Jahren ankommt: nicht alles auszuprobieren. Sondern zu erkennen, was das Richtige ist, und das einfach tun.
Was Dingolfing mich lehrt
Eine Freundin begleitet aktuell ein Transformationsprojekt im Werk Dingolfing.
Das Werk Dingolfing wurde zum Kompetenzzentrum für E-Antriebe und Hochvoltbatterien ausgebaut. Gleichzeitig entsteht 40 Kilometer entfernt ein neues Werk für Batterien für die Neue Klasse. Dort zeigt sich Wandel ganz konkret.
Neue Technologien entstehen. Neue Kompetenzen werden gebraucht. Aufgaben verändern sich. Gleichzeitig entstehen an anderer Stelle neue Strukturen für die Zukunft. Wenn man nur auf Schlagzeilen schaut, sieht man oft Stellenabbau oder negative Veränderungen. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man aber auch etwas anderes: Wertschöpfung verschiebt sich. Arbeit verändert sich. Anforderungen verändern sich. Menschen müssen sich verändern.
Ich sehe Parallelen zu meiner Arbeit in der IT. Die KI wird unsere Aufgaben verändern, Arbeiten abnehmen. Was passiert dann? Manches verschwindet. Neues entsteht.
Die größte Herausforderung ist dabei nicht die Technologie. Die größte Herausforderung ist die Unsicherheit. Menschen fragen sich: „Was bedeutet das für mich?“
Lebenswege verlaufen selten nach Plan. Meiner ganz sicher nicht. Mehrfach musste ich Vertrautes hinter mir lassen und neu anfangen – beruflich, geografisch, manchmal auch ganz persönlich. Jeder Abschied war mit Unsicherheit verbunden. Und jedes Mal stellte ich mir dieselbe Frage: Was kommt jetzt?
Mit etwas Abstand betrachtet waren es genau diese Umbrüche, die mich geprägt haben. Sie haben mich gelehrt, Veränderungen nicht nur auszuhalten, sondern darin Chancen zu erkennen. Vielleicht liegt darin auch der Grund, warum mir die Arbeit mit Menschen so wichtig geworden ist. Als Mentorin bei BMW, in Projekten mit Nachwuchskräften oder bei Joblinge begleite ich Menschen, die junge Menschen, die Orientierung suchen, die zweifeln oder vor einem Neuanfang stehen. Ich kann ihnen ihren Weg nicht abnehmen. Aber ich kann ihnen zeigen, wie aus Umwegen neue Perspektiven entstehen können. Und dass hinter vielen Veränderungen, die zunächst Angst machen, oft Entwicklungen warten, die man sich vorher nicht hätte vorstellen können.
Plötzlich steht Beate vor mir und reißt mich aus meinen Gedanken. Sie hat sich in den fünf Jahren, seit wir uns zuletzt in München gesehen haben, kaum verändert. Ist noch immer so frisch, ungezwungen und stylisch wie eh und je. Sie nimmt mir gegenüber auf einem eleganten Sofa Platz und bestellt sich – von wegen Kaffee – ein Glas Bordeaux. „Das Wiedersehen muss doch gefeiert werden“, lacht sie mich an. Erst dann fällt ihr mein nachdenklicher Gesichtsausdruck auf.
„Was liegt Dir denn auf dem Herzen, Ilona?“
Ich erzähle ihr von meiner Wahrnehmung. Dass es gerade schwer ist. Dass ich manchmal denke: So herausfordernd war es wahrscheinlich noch nie. Sie schaut mich an und schüttelt mit dem Kopf. Sie lächelt sogar ein wenig. Dann nennt sie mir ein paar Jahreszahlen zu Ereignissen der BMW‑Geschichte. Momente, in denen der Konzern wirklich am Limit war.
Ende der 50er Jahre, da war BMW fast schon verkauft. Die Rover-Zeit Anfang der 2000er, damals hatten wir uns strategisch vergriffen. Die globale Finanzkrise 2007 bis 2009, wie dramatisch der Absatz eingebrochen war. Jeden dieser „Schicksalsmomente“ kommentierte Beate mit einem nachdenklichen: „Das war kritisch, sogar sehr kritisch.“ Und dann lächelt sie. „Aber wir sind da gut durchgekommen!“
Ich denke an Hans, unseren 101-jährigen Jubilar. Ein Leben, das so viel Wandel gesehen hat und trotzdem weitergegangen ist. Ist das seine stille Botschaft an uns: Leben bedeutet Veränderung. Nicht irgendwann. Nicht ausnahmsweise. Sondern immer wieder. Wir können den Wandel nicht aufhalten, aber wir können entscheiden, wie wir ihm begegnen. Ob wir abwarten und uns treiben lassen. Oder ob wir aufstehen, hinschauen, dazulernen und den nächsten Schritt bewusst gehen. Wenn wir mit Zuversicht in die Zukunft schauen, wenn wir bereit sind, uns weiterzuentwickeln und auch uns selbst zu verändern, dann müssen wir vor Wandel keine Angst haben. Dann wird er zu dem, was er im besten Fall sein kann: einer Einladung, Zukunft mitzugestalten.